Tugend
Hier sind meine einführenden Gedanken zum Salon vom 20. Februar 2025:
Wer von euch denkt, Tugend sei tatsächlich etwas veraltet?
Ich möchte euch davon überzeugen, dass Tugend auch heute noch wertvoll sein kann.
Nun, bevor ich dies tun kann, sollte ich wohl ausführen, was ich unter Tugend verstehe, denn dies ist ein vielfältiger Begriff, und so mag es durchaus Sinn machen, von Tugenden (in der Mehrzahl) zu reden. Ich beginne mit einem Kontrast.
Wenn wir zum Beispiel von den religiösen Tugenden ausgehen, welche auch die ‘himmlischen’ genannt werden, dann sind es deren sieben. Ich zähle sie mal auf.
Als erstes haben wir Demut—ausgrechnet! Das Latein gibt die Bedeutung preis: humilitas; wir sollen also bescheiden, aber auch ergeben und gehorsam sein. Dann haben wir Milde—caritas, also barmherzig und wohltätig solllten wir sein. Dann folgt Keuschheit, also rein und unbefleckt sollen wir sein. Und dann haben wir Geduld, patientia, also langmütig und vielleicht auch nachsichtig sollen wir sein, falls wir tugendlich sein wollen.
Ich bin erst bei vier; aber ihr seht, wo dies hinführt. Die Tugenden welche ich aufzulisten begonnen habe, stellen für den Glauben wichtige und erstrebenswerte Eigenschaften eines Charakters dar, die irgendwie mit der Sitte verhängt sind. Also mit Anstand. Deshalb sollen wir dies und das sein.
Denn die Tugend ist präskriptiv, vorschreibend. Sie schreibt vor, was was wir tun sollen, oder besser: sie diktiert, wie wir zu sein haben.
Und wenn wir anders sind, dann kommen die Todsünden ins Spiel.
Nur, wer sagt denn, was anständig ist? Wer ist die moralische Autorität hier? Ja, genau, es ist die Kirche. Wenn jemand nach diesen Tugenden lebt, dann ist er oder sie gläubig, und wenn er oder sie gläubig ist, dann lebt er oder sie diese Tugenden. Man könnte meinen, die Tugenden wären damit Mittel, um uns zu zähmen, uns gefügig zu machen, uns klein zu halten.
Dies war nicht immer der Fall. Aber bevor ich mich dem Kontrast zuwende, vervollständige ich die Liste. Die fünfte Tugend ist Mässigung (temperantia), dann folgt Wohlwollen und zu guter Letzt Fleiss. Wir sollen arbeitsam sein, gut von anderen denken, und uns im Genuss zurückhalten.
Nun: Tugend muss ja nicht kirchlich sein: es gibt schliesslich auch weltliche Tugenden (wie gerade eben klar wurde). Hier sind noch ein paar weitere: Mut, Klugheit, Stolz, Grosszügigkeit, Gewaltlosigkeit. Das sind grosse Tugenden, mit langer Geschichte. Es gibt auch politische, wie zum Beispiel Gerechtigkeit oder Freiheit; und auch bürgerliche, oder vielleicht besser, spiessbürgerliche, Tugenden, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Sauberkeit, Ordentlichkeit, Sparsamkeit, oder eben: Fleiss.
Nun, ich bin ja bekanntlich ein Philosoph, also mit einem Bein in der Antike. Also, was finden wir dort? Etwas Grosses. Das griechische Wort für Tugend ist ‘areté’. Weil es aus dem Superlativ von ‘gut’ (‘agathós’) abgeleitet ist, heisst dies so viel wie Bestheit, oder Vortrefflichkeit, oder Exzellenz. Es ist jedenfalls ein Wort, das grosses Lob und tiefe Anerkennung ausdrückt.
Es kommt euch vielleicht komisch vor, aber im Griechischen sind auch Gegenstände (wie Zapfenzieher) und Tiere (wie Hunde) tugendlich: wenn sie die besten Exemplare ihrer Gattung sind.
Aber zurück zu uns. Wer tugendlich ist, der taugt etwas. Wir können dies als eine Art von Tüchtigkeit auffassen. Nun, da die Griechen dachten, zu einem glücklichen Menschenleben gehört die Tugend, heisst dies: wer im Besitz von Tugenden ist, hat alles für ein ‘tüchtiges’ Leben—ein Leben das gelingen kann, und lebenswert ist. Die Tugend ist also so eine Art Anleitung zum Menschsein.
Bei Platon ist die Liste der Tugenden kurz. Er hat Mut, Gerechtigkeit, Besonnenheit (‘sōphrosunē’), und Weisheit darauf. Das ist alles, worauf es ihm ankommt.
Bei Aristoteles ist sie länger; sie umfasst zum Beispiel auch noch Freundschaft, Wahrhaftigkeit, und Witz. Dies sind relationale Tugenden, also auf andere bezogen. Und damit sind sie auch politische. Aber auch bei ihm sind die Tugenden notwendige Eigenschaften eines guten Lebens: eines Lebens, das des Menschen würdig ist. Die Tugenden beschreiben den ethischen Charakter, sozusagen das Potenzial, welches wir realisieren können, um ganz Mensch zu sein.
Nehmen wir Gerechtigkeit, die primäre soziale Tugend. Sie besteht darin, nicht mehr zu wollen als mir zusteht, aber auch nicht weniger zu bekommen als mir zusteht. Es ist eine Art ‘fairness’, d.h. Aufrichtigkeit oder auch Gleichheit, wie es z.B. bei Begriffen wie ‘distributive Gerechtigkeit’ und ‘restorative Gerechtigkeit’ anklingt.
Aber zum guten Leben, gehören nicht bloss die ethischen Charaktereigenschaften, die ich bisher genannt habe, sondern auch intellektuelle Tugenden, wie Verständnis, Wissen, und Einsicht, und natürlich auch Weisheit.
Und schliesslich gehört auch etwas Glück zu einem glücklichen Leben.
Nun, weshalb ist die Tugend heute noch aktuell?
Vielleicht deshalb.
Weil sie ein Massstab dafür ist, wie weit oder wie nahe wir entfernt sind von der Bestheit des Menschen.
Weil sie ein Kompass ist auf dem Weg zum best-möglichen Menschen.
Weil sie wie eine Landkarte anzeigt, wo wir stehen oder wo wir uns verirren, auf dem Pfad zu uns selbst und zu anderen Menschen.
Habe ich euch vom Wert der Tugend überzeugt?